Stolperstein - Hermann Schürle
HIER WOHNTE HERMANN JG. 1903 EINGEWIESEN 1925 HEILANSTALT WINNENTAL VERLEGT 23.7.1940 GRAFENECK ERMORDET 23.7.1940
„AKTION T4“
Kurzbiographie: Hermann Schürle Kindheit und Jugend
Hermann Schürle wurde am 12.02.1903 in Edea in Kamerun (Afrika) als Sohn des Missionars Georg Schürle und dessen Ehefrau Julie Schürle, geborene Gundert, geboren. Er war das zweite Kind, aber der erste Sohn des Ehepaares Schürle und wuchs in Afrika mit drei weiteren Geschwistern, die nach ihm geboren wurden, auf. Seine Kindheit in Edea war behütet und sorglos, er wurde von seinen Eltern und afrikanischen Kinderfrauen umsorgt und hatte ein enges Verhältnis zu seinen Eltern und Geschwistern, vor allem zu seiner ein Jahr jüngeren Schwester Hanna. Hermann ritt gerne, zeichnete und führte eine Art Tagebuch. Der Glaube spielte in der Missionarsfamilie eine zentrale Rolle - so auch für Hermann. 1908 reiste Familie Schürle erneut in den Schwarzwald zurück und bekam noch eine Tochter. Als der Vater im Oktober 1909 während dieses Heimaturlaubs überraschend verstarb, kehrte die Mutter mit den Kindern nicht nach Kamerun zurück, sondern blieb in Calw. Hermann machte 1916 seinen Schulabschluss auf der Volksschule. Danach war er noch bis zu seiner Konfirmation 1918 in der Realklasse der Handelsschule, die er allerdings ohne Abschluss verließ. Daran schloss sich ein landwirtschaftliches Praktikum im Kinderheim in Calw-Stammheim an.
Leben als Erwachsener
1919/20 absolvierte er ein Praktikum in der Landwirtschaft bei der Diakonie Wilhelmsdorf und von September 1921 bis März 1922 wird er auf der Karlshöhe in Ludwigsburg zum Krankenpfleger auf Probe ausgebildet.
Diese Ausbildung schien ihn allerdings überfordert zu haben, da auf dem Deckel der Personlakte vermerkt wurde: „Guter Mensch, aber völlig unbrauchbar.“
Wohl auf Grund einer schweren und verschleppten Meningitis in seiner Kindheit hat sich eine geistige Krankheit bei dem jungen Mann Bahn brechen können. Deshalb war Hermann Schürle vom 8.04.-12.04.1922 zum ersten Mal in der Nervenklinik in Tübingen. Es wurde die Diagnose „Debilität“ (ein Grad geistiger Behinderung) gestellt. Nach seinem kurzen Klinikaufenthalt arbeitete er in der Landwirtschaft bei der Bruderhaus Diakonie in Reutlingen und absolvierte dann ab 1924 eine Lehre in einer Gärtnerei in Calw. Im September 1924 wird er erneut in die Universitätsnervenklinik in Tübingen eingewiesen und bekommt dort wohl die zweite Diagnose „Katatonie“ (ein psychisches Krankheitsbild, das vorwiegend durch Störung der Willkürbewegung gekennzeichnet
ist). Dies legt zumindest das Aufnahmebuch der Heilanstalt Winnental nahe, in der dieses Krankheitsbild als „Einweisungsdiagnose“ aus Tübingen genannt wird. Eine Krankenakte von Hermann Schürle existiert nicht mehr. Anfang des Jahres 1925 wird er in die Heilanstalt Winnental verlegt und bekommt dort eine noch eine Diagnose: „Schizophrenie“ (ein psychisches Krankheitsbild, das mit Halluzinationen und Wahnvorstellungen einhergeht). Er wird als „arbeitsunfähig“ eingestuft und bleibt in der Heilanstalt Winnenden. Dort gab es, wie zu dieser Zeit üblich, keine zielgerichtete Behandlung, die das Ziel oder
den Effekt einer Besserung gehabt hätte. Er wird als „unbrauchbar“ abgestempelt und erhält gerade das Nötigste zum Überleben, was sich aus u.a. aus den Aufzeichnungen seines Körpergewichts, die erhalten blieben, schließen lässt. Ein Jahr vor seinem Tod wog er lediglich noch 45 kg bei einer durchschnittlichen Körpergröße. Sein Leben begann mit einer schulischen und beruflichen Ausbildung, wurde dann aber zunehmend von seiner geistigen Krankheit eingenommen. 15 Jahre verbrachte er in der Heilanstalt Winnental.
Leben im Nationalsozialismus
Am 23. Juli 1940 wird überraschend die Verlegung des Kranken Hermann Schürle angeordnet. Ärztlicher Leiter zu diesem Zeitpunkt in Winnental war Dr. Gutekunst. Der Ort der Verlegung wird der Familie, auch auf Nachfrage, nicht mitgeteilt. Die Aufnahmeanstalt werde sich melden.
Am 2. August 1940 erhielt die Familie einen Brief der Landespflegeanstalt Grafeneck, indem sie über den „plötzlichen und unerwarteten Tod“ Hermann Schürles informiert wurde. Weiterhin wird der Familie in diesem Brief „Trost“ mit den Worten gespendet, Hermanns Tod sei doch eine „Erlösung“ für ihn bei dieser Krankheit. Auf Grund der in
der Anstalt herrschenden Seuchengefahr habe man den Leichnam sofort einäschern müssen und deshalb seien auch Besuche verboten. Die Urne werde anderweitig beigesetzt, wenn Julie Schürle nicht innerhalb von 14 Tagen antworte. Die Kleidungsstücke, die Hermann Schürle zuletzt getragen habe, hätten durch Desinfektionsmaßnahmen so stark gelitten, dass sie nicht mehr brauchbar gewesen seien und zur Stoffverwertung gegeben wurden. Hermanns Mutter antwortete, sie sei nicht überrascht gewesen, da sie von ähnlichen Todesfällen nach einer Verlegung in eine andere Anstalt gehört habe und man solle ihr die Asche zusenden.
Die Familie hinterfragt Hermanns Schürles Tod und
fordert Aufklärung
Georg Schürle, ein Bruder Hermanns, schrieb einen Brief an den Reichsinnenminister, datiert vom 12. November 1940. Darin stand, er erwarte als „deutscher und aufrichtiger Mann“, dass der
Reichsinnenminister aufdecken soll, was diese Pflegeanstalt in Grafeneck eigentlich ist und warum die Kranken kurz nach ihrer Verlegung dorthin sterben. 16 Jahre habe sein Bruder in der Pflegeanstalt Winnental verbracht, die Kosten für seine Unterbringung seien von der Mutter immer pünktlich erbracht worden. Hermann Schürle sei ohne Einverständnis der Angehörigen am 23. Juli 1940 nach Grafeneck gebracht worden. Man habe in Winnental nachgefragt, der leitende Arzt, der die Verlegung anordnete, konnte aber nicht in Erfahrung gebracht werden und es sei
darüber hinaus auch seltsam, dass trotz der angeblichen Seuchengefahr häufig Kranke nach Grafeneck verlegt werden. Hermann Schürle war eines von über 10.000 Opfern im Jahr 1940 im Rahmen der „Aktion T4“, dem systematischen Massenmord körperlich und geistig behinderter Menschen unter dem NS-Regime.
Quelle: Dokumente, Briefe und Fotos aus dem Privatbesitz der Familie Schürle
Was war die „Aktion T4“?
Die geistigen Wurzeln der NS-„Euthanasie“ (griechisch = schöner Tod)
Idee/Ursprung:
19. Jh.: Charles Darwins Forschungen waren ein wichtiger Bezugspunkt. „Der Kampf ums Dasein in der Natur führe zur natürlichen Auslese, bei der sich der besser angepasste durchsetze.“
dieser Gedanke wurde von den sogenannten Sozialdarwinisten auf Menschen und ganz Völker übertragen
„Erbkranke“, „Behinderte“ oder „rassisch Unerwünschte“ belasteten die
Gesellschaften und man solle dem mit „Ausmerze“ begegnen auf dieser Grundlage entwickelten sich im 19. Jh. Ideen zur „Rassenhygiene“,
„Erbgesundheitspflege“, der sogenannten „Eugenik“
Grundlage für das staatliche Erb-und Rassentheorienprogramm des NS-Regimes ist die Schrift des Psychiaters Alfred Hoche und des Juristen Karl Binding mit dem Titel „Freigabe der Vernichtung unwerten Lebens“ von 1920 Entwicklung in der NS-Zeit
Erste Maßnahmen wurden bereits im Sommer 1933 umgesetzt mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“
Dies beinhaltete Zwangssterilisationen von „Erbkranken“
bis 1940 ca. 300 000 Sterilisationen
1939 mit Beginn des Zweiten Weltkrieges fielen alle Hemmungen und das NSRegime begann mit dem systematischen Massenmord
zur Umsetzung der „Euthanasie“ wurde eine Sonderbehörde gegründet mit Sitz in der Berliner Tiergartenstraße 4
deshalb wurde die Mordaktion nach 1945 als „Aktion T4“ bezeichnet
erste Tötungsanstalt war Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, allein 1940 wurden dort 10.654 Menschen ermordet
weitere Tötungsanstalten waren in Hartheim, Brandenburg, Pirna, Bernburg und Hadamar
„Aktion T4“: Meldung eingeschränkter Menschen für gezielte Verfolgung
Man musste Menschen melden, die:
seit mindestens 5 Jahren in einer Anstalt sind
an Krankheiten leiden und höchstens mechanische Arbeiten verrichten
können
kriminell geworden sind
keine deutsche Staatsangehörigkeit haben
Bericht eines Arztes über den Ablauf der „T4“-Aktion:
Ziel war die Ermordung behinderter Menschen in „Exekutionsanstalten“
zuerst sollte Kontaktabbruch/-verlust zu den Angehörigen organisiert
werden durch Verlegung und Unterbringung in sogenannten
„Zwischenanstalten“, was meist durch eine Postkarte den Angehörigen
mitgeteilt wurde – ohne die neue Anstalt zu nennen
transportiert wurden die Menschen in den sogenannten „grauen oder
roten Bussen“ oder Sammeltransporten mit der Bahn zu einer der sechs
Tötungsanstalten
zur Identifikation bekamen die Menschen mit Tinte eine Nummer auf
den Unterarm geschrieben
in den sogenannten „Zwischenanstalten“ herrschten wegen
Überfüllung bald katastrophale hygienische Zustände, so dass viele
schon dort starben
in den „Exekutionsanstalten“ gab es eine letzte „Überprüfung durch
zwei Ärzte“, die Todesursache war bereits vorab in der Akte vermerkt
die Ermordung erfolgte durch das Einführen von Kohlenmonoxid in eine
Gaskammer, die in ein bereits bestehendes Gebäude eingebaut wurde
direkt nach der Ermordung erfolgte die Einäscherung
die Angehörigen erhielten ein standardisiertes Schreiben mit einer
erfundenen Todesursache und auf Wunsch eine Urne mit irgendeiner
Asche
„Wilde Euthanasie“ nach 1941
Anfragen Angehöriger und der Protest beider Kirchen gegen die
„Euthanasie“ gefährdeten die Geheimhaltung des systematischen
Tötens und stellten die Zustimmung und Loyalität zum NS-Regime in
Frage
im August 1941 befahl Hitler deshalb den Abbruch der „Aktion T4“
aber das Töten erfolgte weiterhin, dezentral in Heimen und Kliniken
man ließ die Menschen hungern, verabreichte Medikamentenüberdosen
oder vernachlässigte die Pflege
so starben bis 1945 weitere 200 000 Menschen
Quelle:
Andreas Gawatz, Andreas Grießinger, Geschichte 11, Baden-Württemberg/Kursstufe, westermann Verlag, Braunschweig 2021, S.338-343
Die Informationen wurden von Schülerinnen der Kursstufe 12 des Maria von Linden-Gymnasiums im Rahmen des Geschichtsunterrichts erstellt und präsentiert.
Elinor Schanz, Alina Schultheiß, Fenja Dolzmann, Marie Manegold, Marie Esslinger und
Lotta Tiedje
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